Nürnberg



Reisedatum:  Montag, 05.04.2021

 

An- und Abreise:  per Bahn

 

Vor Ort:  Zu Fuß


Der Wetterbericht verhieß für den Ostermontag nichts Gutes, teilweise sogar Schnee und Minusgrade. Daher entschied ich mich erst kurz nach dem Wachwerden dazu, noch eine Tour zu unternehmen - Ziel zunächst unbekannt. Ich fuh mit dem ersten RE des Tages nach Frankfurt und habe tatsächlich erst kurz vor der Ankunft dort überlegt, wo ich hinfahren könnte. Spontan und da der passende ICE zeitnah abfuhr, entschied ich mich für Nürnberg. Natürlich ist die Stadt für einen "Paar-Stunden-Ausflug" viel zu groß, also war die Frage: Planloser Stadtbummel oder ein bestimmtes Ziel? Meine Wahl fiel schließlich auf den Dutzendteich und das ihn sozusagen umgebende ehemalige Reichsparteitagsgelände. Ausnahmsweise will ich mal keinen Bericht in der Form "Erst bin ich da hin, dann dort hin...." usw. schreiben, den gelaufenen Weg kann man auf der Übersichtskarte in der Bildergalerie unten selbst nachvollziehen. 

Warum also das Reichsparteitagsgelände? Ich bin ein sehr politik- und geschichtsinteressierter Mensch, und gerade über die deutsche Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert hat sich über die Jahre sehr viel detailliertes Wissen angesammelt. Da liegt es dann nahe, bestimmte zeitgeschichtliche Stätten auch mal mit eigenen Augen anzusehen. Zumal ja nicht unbedingt viele Bauten aus der NS-Zeit erhalten geblieben sind. Gerade die sog. Zeppelinhaupttribüne ist aus vielen Dokumentationen bekannt, oder auch aus Rennübertragungen vom Norisring. Besonders einprägsam natürlich die Filme von Leni Riefenstahl oder der kurze Clip aus der Nachkriegszeit, in dem die Sprengung des riesigen Hakenkreuzes auf der Tribüne gezeigt wird. Dass die Start-und-Ziel-Linie der Rennstrecke exakt auf Höhe der Rednertribüne liegt, von der damals Hitler gesprochen hat, war mir bislang nicht bewusst, und ich empfinde das auch als einigermaßen befremdlich. Überhaupt bekam ich beim "Erklettern" der Zeppelintribüne nicht gerade angenehme Gefühle. Das wurde mir spätestens dann bewusst, als ich auf besagter Rednertribüne stand und mir ins Gedächtnis rief, welche Worte von welchem Menschen von hier in die Welt hinausgingen und welche Folgen dies schließlich für die Welt hatte. Das Zeppelinfeld genannte Areal vor der Tribüne ist zwar nach dem Krieg vielfältig bebaut worden, doch es fiel mir nicht schwer, mir einige Hunderttausend fanatische Menschen mit starrem Blick auf die Stelle vorzustellen, an der ich in diesem Moment stand. Beklemmend! Das traurig-trübe und nasskalte Wetter trug zu dieser Stimmung natürlich noch seinen Teil bei. Das Areal rund um den Dutzendteich ist prinzipiell - vor allem bei besserer Witterung - sicher schön, und als "Einheimischer" kann man hier vermutlich auch eher unbefangen spazieren gehen und sich entspannen. Mir ist das in Erinnerung an die Geschichte leider nicht gelungen, wobei ich die Erfahrung im Nachhinein auch keinesfalls missen möchte. Ich erinnerte mich hierbei automatisch an den Besuch des Konzentrationslagers Buchenwald, bei damals wirklich traumhaftem Sommerwetter in sozusagen sehr angenehmer Umgebung (Bäume, Ruhe, viel Grün usw.) Auch dort konnte mich das nicht von dem Wissen um den Ort und die dort verübten Verbrechen ablenken. Es ist halt etwas ganz anderes, bestimmte Gebäude und Anlagen auf Bildern und in Filmberichten zu sehen oder selbst mal darauf oder davor zu stehen. Die in Stein und Beton geformte Gigantomanie der nationalsozialistischen Architektur ist einerseits natürlich erschreckend, aber - ganz frei vom geschichtlichen Blick - auch beeindruckend. Da muss man natürlich jetzt sehr genau aufpassen, wie man das ausdrückt, sonst ergeht es einem schnell wie weiland Philipp Jenninger. Und spätestens jetzt schweife ich auch viel zu sehr ab, es ist ja immer noch ein Reiseblog....

Nach zweieinhalb Stunden hatte ich beide auf der Übersichtskarte aufgeführten Rundwege hinter mich gebracht und lief dann zurück zum Bahnhof Nürnberg-Dutzendteich. Über Nürnberg Hbf, Frankfurt am Main und Bensheim ging es nach einem in vielerlei Hinsicht lehrreichen Tag wieder zurück nach Hause.