Berlin



Zeitraum:  Samstag 02. bis Samstag 09.10.2021

 

Unterkunft:  Berlin, InterCityHotel am Hauptbahnhof

 

An- und Abreise:  per Bahn

 

vor Ort:  zu Fuß, S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn


(Es folgt ein etwas anderer Reisebericht. Manches was ich da schreibe, mag sich für jemanden, der keine Glasknochen hat, etwas seltsam anhören. Ich versuche zwar immer, meine Sicht auf die Dinge so anschaulich wie möglich rüberzubringen, kann aber absolut verstehen, wenn jemand nicht nachvollziehen kann, wie es sich mit dieser Krankheit lebt.)

 

Eine ganze Woche Berlin! Selten hatte ich mich auf eine Reise mehr gefreut... Reichstagskuppel, Bootsfahrt auf dem Wannsee, Sanssouci, KaDeWe, Tränenpalast, Museumsinsel, der ganze Hauptstadttrubel usw. usw. Dazu das angekündigte tolle Wetter mit viel Sonne und fast keinem Regen - es hätte eine wirklich schöne Woche werden können...

Naja, hätte hätte Fahrradkette oder wie das heißt. Nach der entspannten Anreise hatte ich vom Hauptbahnhof zum Hoteleingang ziemlich genau 200 m zurückzulegen. An der Bordsteinkante vor dem Hotel ist es dann passiert: Irgendwie hängengeblieben, ins Stolpern gekommen, einen großen Rettungsschritt nach vorne gemacht und zack! das rechte Knie verdreht. In der Rückschau betrachtet hatte ich letztlich wohl noch Glück, dass ich zumindest den Sturz vermeiden konnte, bei dem ich mir unweigerlich einige Gräten gebrochen hätte. Nach ein paar Minuten hatte ich mich soweit gesammelt, dass ich die wenigen Meter ins Hotel humpeln und erstmal einchecken konnte. Was nun? Im Zimmer angekommen, die erste Bestandsaufnahme: Direkt gebrochen konnte eigentlich nichts sein, sonst hätte ich auf dem Bein nicht stehen bzw. laufen können. Der ziemlich höllische Schmerz fühlte sich andererseits mehr nach Knochen als nach Bändern oder ähnlichem an. Die rasch einsetzende Schwellung des Knies verhieß ebenfalls nichts Gutes. Viel mehr zu schaffen machte mir in diesem Moment jedoch die Psyche: Ich sah alle möglichen Bilder von Krankenhäusern, OP, Rollstuhl, Reha usw. usw. und merkte schon, dass ich in ein mentales Loch zu fallen begann. Dabei ging es nicht um den jetzt vermutlich ausfallenden Urlaub, sondern um die Verletzung an sich. Wenn man wie ich schon so viel mit der Krankheit mitgemacht hat, bekommt man zwar einerseits ein recht dickes Fell, aber andererseits haut es einen dann doch wieder direkt aus den Schuhen, wenn etwas passiert ist. Ich hätte heulen können! Die logischste Reaktion wäre vermutlich gewesen, mir ein Taxi zu bestellen und mich in die nächstgelegene Notaufnahme bringen zu lassen. Die bereits beschriebenen Bilder hielten mich aber davon ab, ebenso wie der Gedanke, an völlig fremde Ärzte zu geraten, die weder mich noch meine Krankheit kannten. Also wollte ich erst mal abwarten, vielleicht war es ja doch nicht so schlimm - das war im Nachhinein eine ziemlich naive Hoffnung, um ehrlich zu sein. Am späten Nachmittag habe ich mich dann wieder zum Bahnhof geschleppt und mir in der Apotheke ordentlich Schmerzmittel, Salbe und vor allem Krücken besorgt. Zum Abendessen ging es in die wirklich tolle Tapasbar Yosoy, doch angesichts der Umstände hatte ich keinen wirklichen Appetit.

Am nächsten Morgen war ich ganz kurz davor, doch ins Krankenhaus zu fahren - ich konnte fast nicht mehr auftreten. Mit Krücken auf einem Bein laufen kommt bei mir ja leider nicht in Frage, da das weder das andere Bein noch die Arme lange aushalten würden, bevor es kracht. Also musste ich das rechte Bein trotzdem belasten, es war wirklich kein schönes Gefühl. Den Sonntag habe ich fast durchgängig im Hotel verbracht und auch dort gegessen, um dem Knie möglichst viel Ruhe zu gönnen.

Von den nächsten Tagen gibt es nicht viel zu berichten. Es ging minimal besser, wobei das Knie noch immer stark geschwollen und jede Bewegung sehr schmerzhaft war. Hier muss man vielleicht noch hinzufügen, dass ich weiß Gott nicht übermäßig schmerzempfindlich bin. Nach dem mir das Hotel mitteilte, dass ich bei einer vorzeitigen Abreise dennoch 90% des Zimmerpreises für die restlichen Übernachtungen zahlen müsste, entschied ich mich am Dienstag endgültig, die restliche Woche in Berlin zu bleiben. Mein tägliches Ritual bestand in der Folge darin, tagsüber mit S- und U-Bahn rumzufahren und abends die im Voraus ausgewählten Restaurants aufzusuchen. Wenn schon der touristische Reiseteil komplett ausfallen musste, sollte wenigstens der kulinarische einigermaßen absolviert werden :-) So besuchte ich das japanische Restaurant ZEN, das Restaurant ELLA im Steigenberger Hotel, die wirklich hervorragende Skykitchen im Stadtteil Prenzlauer Berg sowie mit dem Restaurant Feinberg´s zum ersten Mal ein israelisches Lokal. Mit meiner Auswahl war ich rundherum zufrieden und konnte dabei wenigstens jeweils für ein paar Stunden die ziemlich düstere Stimmung in mir verdrängen. Im Laufe der Woche bin ich das gesamte S-Bahn-Netz (bis auf zwei baubedingt gesperrte Abschnitte) und den größeren Teil des U-Bahn-Netzes abgefahren. Unterwegs sind mir noch einige interessante Orte aufgefallen, die auf die To-Do-Liste für den nächsten Berlin-Besuch kommen. Fotos habe ich übrigens so gut wie keine gemacht, da ich ja immer meine Krücken dabeihatte und mich "freihändig" auch wirklich nicht wohlfühlte.

Bis zum Abreisetag hatten die Schmerzen nicht merklich nachgelassen, was natürlich auch daran lag, dass ich jeden Tag mehrere Kilometer gelaufen bin - ich habe übrigens auch nie behauptet, sonderlich vernünftig zu sein :-) Samstags ging es dann schließlich wieder heimwärts; es endete damit der in jeder Hinsicht ungewöhnlichste Urlaub meines Lebens.

 

Nachtrag: Am Montag danach war ich endlich in der chirurgischen Ambulanz des Wormser Klinikums, wo eine schwere Knieprellung, eine Meniskusquetschung und eine "schalenförmige Absprengung im Bereich des distalen Femurs" diagnostiziert wurde. Also auf gut Deutsch: Kein direkter Knochenbruch, sondern ein vom Oberschenkel abgesprengtes Knochenfragment. Das alles macht in einem ohnehin weitgehend zerstörten Kniegelenk keinen wirklichen Unterschied mehr, aber immerhin ist die ganz große Katastrophe ausgeblieben.

 

Nachtrag 2: Berlin, ich komme wieder!!

 

Nachtrag 3: Wer glaubt, in dem Bericht eine besondere Form der Selbstbemitleidung erkennen zu können, dem gönne ich diese Sichtweise von Herzen, sie tangiert mich allerdings nicht mal peripher :-)